Ich könnte auch falsch liegen…

Frau reflektiert nach Gespräch über Korrektur, Demut und geistliche Reife

Warum es gut tut, liebevolle Korrektur annehmen zu können, offen zu bleiben und von anderen zu lernen

Es war ein gemütlicher Abend bei Freunden. Genau so, wie man sich so einen Abend wünscht: Gutes Essen, Menschen, bei denen man nicht jedes Wort abwägen muss, und Gespräche, die sich irgendwo zwischen Alltagschaos und tiefen Lebensthemen bewegten. Da war dieses Gefühl von Vertrautheit, das entsteht, wenn man sich kennt und schätzt.

Irgendwann kommen wir auf ein Thema zu sprechen, das mich gerade ziemlich beschäftigt. Etwas, bei dem ich innerlich schon viele Endlosschleifen gedreht habe. Ich erkläre meine Sicht lang und breit – und merke noch während des Redens, wie sich die Stimmung im Raum langsam, aber spürbar verschiebt. 

Mein Mann, dann unsere Gastgeber – einer nach dem anderen – machen deutlich: Sie sehen das anders. Sie bleiben dabei freundlich. Ruhig. Aber doch ziemlich bestimmt.
Zwischen den Zeilen schwingt mit: Du könntest da etwas naiv sein.

Aua.

Wenn Korrektur weh tut – und gleichzeitig Liebe zeigt

Ich schätze diese drei Menschen sehr. Einer davon ist mein Mann. Die anderen bringen viel Fachwissen zu genau diesem Thema mit. Und trotzdem: Es tut weh, wenn man merkt, dass die eigene Sicht nicht nur ergänzt, sondern wirklich infrage gestellt wird. Wenn das innere „Ich hab mir doch so viele Gedanken gemacht!“ gegen ein leises „Hm… vielleicht stimmt das nicht ganz“ antritt. Und man auf eigene Begrenzungen aufmerksam gemacht wird. 

Und doch war da etwas Überraschendes:
Ich fühlte mich nicht angegriffen. Nicht klein gemacht. Nicht blossgestellt.
Eher so, als würde jemand sagen: „Wir nehmen dich ernst genug, um ehrlich zu sein.“ Korrigiert aus einem echten Anliegen heraus. Ich spürte: sie sind nicht gegen mich, sondern für mich.

Diese Situation liess mich nicht los. Sie begleitete mich nach Hause bis weit in die Nacht. Sie löste – natürlich – Grübeln aus. 

Wie komme ich dazu, dass ich liebevolle Korrektur annehmen darf? Und warum eigentlich fühlt sich Korrektur so schnell wie ein persönlicher Angriff an?

Psychologisch ist das ziemlich logisch. Sobald wir unsere Meinung teilen, zeigen wir nicht nur Gedanken, sondern auch ein Stück von uns selbst. Wird diese Meinung hinterfragt, meldet sich unser inneres Alarmsystem: Achtung! Zugehörigkeit in Gefahr!  

Doch genau hier lag der Unterschied an diesem Abend:
Die Beziehung hielt.
Ich wurde korrigiert – aber nicht fallen gelassen. Im Gegenteil! Ich fühlte mich absolut zugehörig und geliebt, gerade weil ich korrigiert wurde. 

Was, wenn ich falsch liege?

Das brachte mich zu einer Frage, die mich seither begleitet:
Was wäre, wenn ich tatsächlich falsch liege?

Oder etwas netter formuliert:
Könnte es auch anders sein?

Ich merke, wie sehr ich mir eigentlich genau so ein Umfeld wünsche. Menschen, die mich nicht einfach in meiner Bubble lassen, sondern sich trauen, mir zu widersprechen. Mich in Frage zu stellen. Nicht, weil sie es besser wissen müssen. Sondern weil ihnen mein Leben, meine Entscheidungen und mein Wohlergehen wichtig sind. Und sie sich getrauen, mich liebevoll zu korrigieren.

Und gleichzeitig merke ich, wie herausfordernd das ist. Wie schnell man sich bei Korrektur in seinen Grundfestungen erschüttert fühlt. Wie schnell man sauer wird auf sein Gegenüber. Wie viel einfacher es wäre, sich zu rechtfertigen und das Gegenüber (zumindest innerlich) anzuklagen. 

Aber ich möchte lernen, demütig zu sein, ohne mich demütigen zu lassen. 

Demut – ohne sich kleinzumachen

«Demut“ ist oft ein schwieriger Begriff. Viele von uns haben gelernt: Demütig sein heisst, sich zurückzunehmen. Im Zweifel lieber an sich selbst zweifeln. Die eigene Sicht lieber nicht zu stark zu vertreten.

Aber echte Demut ist etwas anderes.

Demut bedeutet nicht, sich selbst kleinzumachen.
Demut bedeutet nicht, automatisch davon auszugehen, dass die anderen recht haben und ich falsch liege.
Demut heisst vielmehr: Ich bin nicht allwissend. Mein Blick ist begrenzt. Und ich darf lernfähig bleiben.

Eigentlich braucht es ein ziemlich stabiles Selbst, um sich korrigieren zu lassen. Eines, das seinen Wert nicht daraus zieht, recht zu haben – sondern aus dem Wissen, gehalten zu sein. Von Beziehungen. Zu Gott. Zu anderen Menschen.

Vielleicht zeigt sich (geistliche) Reife weniger darin, klare Antworten zu haben –
und mehr darin, formbar zu bleiben.

Wie es in Jakobus 1,19 heisst: „Liebe Freunde, seid schnell bereit, zuzuhören, aber lasst euch Zeit, ehe ihr redet oder zornig werdet.“.

Ich möchte mein Leben so leben. Mit einer inneren Haltung, die sagt:
Ich könnte auch falsch liegen.
Ich kann von anderen lernen.
Auch (oder besonders!) von denen, die anders denken als ich.

Ich darf liebevolle Korrektur annehmen.

Und vielleicht ist genau das wahre Demut: auszuhalten, dass mein Blick nicht der ganze ist. Mich lieben zu lassen – selbst dann, wenn diese Liebe mich korrigiert.

artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

ähnliche artikel

Licht in mein Innerstes

Licht in mein Innerstes

Licht in mein Innerstes Mit Anfang 20 war ich mir sicher: «Jetzt weiss ich, wer ich bin! Meine Vergangenheit habe ich angeschaut, biografische Verletzungen aufgearbeitet

weiterlesen »

Janine Oesch

dipl. psychosoziale beraterin bcb

In einem Charakterstärkentest kam heraus, dass meine drei Haupteigenschaften Spiritualität, Dankbarkeit und Humor sind. Ich finde, das beschreibt mich ziemlich gut

Blog abonnieren

Möchtest du meine Blogbeiträge gerne regelmässig lesen? Hinterlasse mir hier deine E-Mailadresse und ich werde dich informieren, sobald ein neuer Blogbeitrag aufgeschalten ist. Die E-Mail Adresse wird nur zu diesem Zweck verwendet und du kannst dich jederzeit wieder abmelden.

Entdecken

Beratung und Seelsorge

Beratungstermin buchen

hejhej!

Möchtest du meinen Blog regelmässig lesen?

Gerne informiere ich dich per Mail, wenn ich einen neuen Blogpost aufschalte.