Never buy clothes from a naked man

„Kaufe niemals Kleider von einem nackten Mann.“

Irgendwo ist mir letzthin dieses afrikanische Sprichwort über den Weg gelaufen und hat in mir drin so einige Gedankenwirbel losgetreten.

Spontan fülle ich dieses Sprichwort so: Lass dir von niemandem ins Leben sprechen der es selber nicht im Griff hat.

Ich schwanke so zwischen «ja, voll!» und «geht’s noch!?».

Geht’s noch?

Nein. Ich möchte nicht nur Menschen um mich haben, deren Leben auf Hochglanz poliert ist.

Ich möchte nicht, dass jemand perfekt sein muss damit er/sie für mich glaubwürdig erscheint. Im Gegenteil: Ich fühle mich von Menschen angezogen die ihre Schwächen offenlegen und die Messlatte nicht in allem so unglaublich hoch halten. Die authentisch und nahbar sind.

Ich ringe manchmal damit, dass gerade wir Christen solch hohe Ansprüche aneinander und an ein gut christlich geführtes Leben stellen. Dabei scheinen wir oft zu vergessen, dass auch wir selber ja auf Gnade angewiesen sind. Es gibt keinen «Sündenkatalog» bei dem Verfehlungen hierarchisch aufgelistet sind von schlimm zu weniger schlimm. Wir alle brauchen Erlösung. Vom Erlöser. Wir können uns nicht selber retten. Punkt.

Der ehemalige anglikanische Priester von Bagdad (der während dem Krieg dort tätig war), Andrew White, hat mal gesagt:

„Der Feind ist immer jemand, dessen Geschichte du nicht kennst.“

Und da trifft er voll in meine persönliche Schwachstelle. Wie schnell urteile ich über jemanden, ohne mir je die Zeit genommen zu haben, mich auf seine Geschichte einzulassen? Ohne dass ich mich hinsetze und versuche zu verstehen, weshalb diese Person vielleicht gerade gebrochen oder «nackt» vor mir sitzt? Ich möchte mehr und mehr lernen, Menschen nicht in Boxen zu drängen. Denn oft kenne ich die Umstände nicht die zu Not geführt haben.

Auch jemand der gegen aussen wenig hat kann innerlich einen grossen Reichtum besitzen von dem ich lernen kann.

Ja, voll!

Und doch. Ich habe sie auch schon erlebt diese Situation. Menschen die ihre Meinung über mein Leben kundtun. Die mich mit Aussagen verunsichern und verurteilen. Ungefragt.

Es gibt Personen, denen ich keine Autorität und keinen Anteil von meinem Leben geben möchte. Nicht weil ich besser bin. Sondern weil ihre Lebensrealität eine andere ist als meine. Weil ich mir nicht sicher bin, ob sie es gut meinen mit mir. Oder ob sie nicht vielmehr auf ihr eigenes Wohlergehen bedacht sind. Wo ich kein gutes Gefühl dabei habe, ihnen etwas «abzukaufen».

Ja, was denn nun?

Wir brauchen die Meinung von anderen Menschen in unserem Leben, da bin ich überzeugt.

In meinem Leben habe ich immer mal wieder Phasen in denen ich mich hinsetze und mich ganz bewusst frage wer Menschen in meinem Leben sind, von denen ich mich prägen lassen möchte. Weil sie mir guttun. Menschen die etwas haben von dem ich selber auch mehr möchte. Die mich faszinieren. Wo sind die Menschen die mir ein Vorbild sind? Die ihre Leben und ihre Herzen für mich öffnen?

Ich denke da an all die Frauen die mir in meinem Leben einen Schritt voraus sind und punktuell oder regelmässig in mein Leben investieren. Bei denen ich andocken kann. Bei denen ich Fragen stellen darf. Die sich Zeit nehmen für mich. Manchmal sind das ganz kurze Begegnungen. Ich denke an eine Frau die ich nach einigen Jahren wieder mal an einer Konferenz traf. Mitten im Getümmel hatte sie den Eindruck, sie solle für mich beten. Und dieses Gebet hat mich gestärkt und mir neue Kraft gegeben.

Oder dann gibt es Frauen die haben mich über Jahre hinweg Anteil haben lassen an ihrem Leben. An ihrem Glauben. Nahmen sich Zeit für mich. Immer und immer wieder.

Sind diese Frauen perfekt? Haben sie alles im Griff? Nein. Sie sind in gewissen Bereichen vielleicht auch sehr «nackt» und haben scheinbar nichts zu geben. Aber sie haben ihr Leben für mich geöffnet. Liessen mich Anteil haben an dem, was sie ausmacht. An ihrem Erfahrungsschatz und ihrer Weisheit.

Doch ich brauche nicht nur Vorbilder, sondern auch Freunde. Freunde die für mich da sind. Die mir auf Augenhöhe begegnen und sich für mein Leben interessieren. Die mein Innerstes kennen und trotzdem zu mir stehen. Die mich aushalten. Die mit mir Erfolge feiern und aber auch da sind, wenn es durch dunkle Täler geht.

Jesus ist für mich beides.

Er ist mir Vorbild. Von ihm kann ich so unendlich viel lernen.

Und er ist gleichzeitig auch mein Freund. Der mir auf meiner Augenhöhe begegnet. Der sich Zeit nimmt für mich. Mir zuhört. Sich für mich interessiert. Immer. Mich annimmt. In allem. Auch wenn ich ihm nichts zu geben habe.

Es scheint beinahe ein wenig ironisch, dass ausgerechnet er fast nackt am Kreuz starb. Ihm auch noch das letzte Hemd genommen wurde (Matthäus 27,35).

Irdisch gesehen hatte er nichts mehr zu geben.

Und trotzdem hatte er in diesem Moment und auch heute noch alles was wir brauchen.

 

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2 Antworten

  1. „Ein Freund ist jemand, der deine Vergangenheit versteht,
    an deine Zukunft glaubt und dich so akzeptiert, wie du bist.“

    An dieses Zitat (weiss nicht von wem) habe ich mich erinnert. Solche Freunde wünsche ich dir weiterhin, liebe Janine!
    Ehrlicher Austausch, gepaart mit viel Annahme und Verständnis wie auch herausfordernden Momenten tun so gut und wirken erfrischend und belebend.

    Cool, dass du deine Gedanken und Erfahrungen mit anderen teilst! Mach weiter so!

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