Haman und Mordechai (Esther 2-5)

Kennt ihr die Situation, dass ihr ein Buch lest oder einen Film schaut und irgendwann merkt, dass die Sidestory genauso packend ist wie die eigentliche Geschichte selbst? Bei mir gerade so geschehen, als ich das Buch Esther in der Bibel las. Ich schwanke irgendwo zwischen Faszination und Unglauben über zwei der Protagonisten. Merke aber gleichzeitig, dass Teil dieser Faszination dadurch ausgelöst wird, dass ich mich selber viel mehr darin entdecke, als mir lieb ist.

2 Jungs, die unterschiedlicher kaum sein könnten

Es geht um Haman und Mordechai. Zugegebenermassen nicht gerade geläufige Namen. Ihre Geschichte jedoch die ist umso aktueller.

Mordechai ist Jude in Persien. Onkel von Esther, die durch einen Akt à la «Persia’s next Topmodel» Königin geworden ist (das wäre dann eben die Hauptgeschichte). Er hat sie grossgezogen, in einem Land fern ihrer Heimat. Mittlerweile arbeitet er als Türsteher am königlichen Hof. Genaueres müsst ihr selber nachlesen (Esther 2), sonst wird mein Text zu lang ;-).

Haman ist oberster königlicher Berater (Esther 3). Von dem was ich lese, bin ich versucht ihm eine narzisstische Ader zu unterstellen. Er braucht offensichtlich viele Streicheleinheiten für sein Ego. Der König ist jedoch unerklärlicherweise überzeugt von ihm. Oder geblendet. Er weist nicht nur alle im Hof dazu an, sich vor ihm zu verneigen. Nein, er gibt ihm sogar seinen königlichen Ring, was einer «Carte Blanche» in Regierungsentscheiden gleichkommt.

Zurück zu Mordechai: Der weigert sich, sich vor Haman zu verneigen. Über die Gründe schweigt sich die Bibel aus. Ich würde mal auf gute Menschenkenntnis tippen.

Haman ist darüber gar nicht begeistert. Sondern wütend. So wütend, dass es ihm nicht ausreicht, sich nur an Mordechai zu rächen. Nein, er möchte gleich das gesamte Volk der in Persien wohnhaften Juden vernichten lassen (Esther 3, 5-6).

Macht hilft nicht, eine innere Leere zu füllen.

Haman hatte von Aussen betrachtet alles. Eine machtvolle Position. Geld. Viele Kinder. Den König samt seinem Vertrauen an seiner Seite. Mordechai hingegen hat nicht einmal mehr sein eigenes Leben auf sicher.

Trotzdem stellt sich die Frage, wer von den beiden wohl zufriedener und erfüllter ist im Leben. Ich tippe auf Mordechai.

Denn trotz all seiner Macht und seiner hohen Stellung, lässt sich Haman offensichtlich von Mordechai verunsichern. Nein, nicht nur verunsichern, sondern bestimmen.

«Aber all das bedeutet mir nichts, solange ich mit ansehen muss, dass der Jude Mordechai hier in der königlichen Verwaltung Dienst tut.» (Esther 5,13)

Haman gibt seinem Leben Wert durch seine Macht. Sein Ego muss von allen Seiten gefüttert werden. Es scheint seine Identität zu sein. Mordechai nimmt ihm genau das, indem er sich nicht vor ihm verbeugt. Und wird damit zur Bedrohung.

Hier komme ich ins Spiel. Und vielleicht auch du.

Leider muss ich zugeben, dass ich das kenne. Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn eine einzige Person meine innere Zufriedenheit überschattet. Mich dominiert.

Vielleicht weisst du, wovon ich spreche: Du hast einen Erfolg gefeiert. Etwas ist dir gelungen, oder du hast Freude an deinem Leben. Aber da gibt es diese eine Person, die sich nicht mitfreut. Oder dir nicht das sagt, was du gerne hören möchtest. Die dir nicht das gibt, was du gerade brauchst. Für dein Ego.

Im Grunde genommen war Haman abhängig von Mordechai. Er lässt sich von ihm bestimmen, nicht umgekehrt. Eigentlich beugt sich somit Haman vor Mordechai. Statt sich an all dem zu freuen, was er bereits hat, schaut er auf das kleine unscheinbare, das er nicht bekommt. Er ist unzufrieden und lässt das in seinem Leben überhand nehmen.

Mordechai hingegen scheint zu wissen wer er ist und was seine Werte sind. Er ist sich selber treu. Lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Spielt keine Machtspiele mit.

Haman ist ein extremes Beispiel, klar. Er lebt in einer Bubble, wo er nur sich selber sieht und das Umfeld gar nicht mehr wahrnimmt. Die Rache an Mordechai verkommt zu seinem Lebensinhalt. Ich gehe mal davon aus, dass die meisten von uns nicht so extrem drauf sind.

Trotzdem muss ich mir eingestehen, dass solche Gedanken mir nicht so fremd sind, wie sie es wohl sein sollten. Es können mir 10 Personen ein positives Feedback geben. Wenn da dann aber eine Person ist, die sich kritisch äussert oder nichts sagt, dann kratzt das an meinem Ego. Dann verschwende ich mehr Zeit damit mich zu hinterfragen was ich wohl falsch gemacht habe, statt die Zustimmung der anderen anzunehmen und mich zu freuen.

Meine Selbstgerechtigkeit

Wenn ich ehrlich bin, ist das Problem hierbei nicht die andere Person. Nein, vielmehr sind es meine eigenen Gedanken, die mir einen Strich durch die Rechnung machen. Und ich glaube, genau dort sollte ich auch ansetzen.

Paulus beschreibt unsere Gedanken in 2.Korinther 10,5 als Schlachtfeld. Und so erlebe ich das oft auch. Eine Schlacht die andauert. Ich kann mir nicht einfach vornehmen nicht mehr schlecht über mich oder andere zu denken und schwupps, habe ich meine Gedanken im Griff. Meiner Erfahrung nach helfen auch keine schnellen 5-Punkte Übungen. Es braucht Ausdauer.

Und doch glaube ich, dass ein erster Schritt sein kann, dass ich mir bewusst werde, vor wem ich mich verbeuge. Und mich ganz ehrlich frage, weshalb es mir so wichtig ist, was andere Menschen über mich denken.

Es ist ein Prozess. Der Zeit braucht.

Paulus gibt in seinem Brief an die Philipper eine Idee davon, auf was wir uns stattdessen fokussieren sollen:

«Konzentriert euch auf das, was wahr und anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist…» (Philipper 4,8)

Mordechai kannte diese Worte von Paulus noch nicht. Und doch scheint er mir ein Mensch zu sein, der dies bereits begriffen hat.

Menschen wie Haman sind mir eine Warnung. Ich möchte mir meine Identität nicht von den Handlungen von anderen Menschen abhängig machen. Sondern mich dem anvertrauen, der mich liebt. Und das sogar tut, obwohl er all meine Gedanken kennt (1. Thessalonicher 2,4).

 

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