Vom Glück

Wer träumt schon nicht vom grossen Glück? Glücklich sein, scheint ein riesig erstrebenswertes Gut in unserem Leben zu sein. Was ja auch seine Berechtigung hat. Es ist nichts Verwerfliches daran, wenn man sich nach einem glücklichen Leben sehnt.

Halte doch gleich mal inne. Wie glücklich bist du? Und bezieht sich dein Urteil auf den jetzigen Moment, oder mehr auf dein Leben allgemein?

Ich bin grundsätzlich eine zufriedene und glückliche Frau. Mein Glücks-Level orte ich auf einer Skala von 10 oft bei 8 oder 9 ein. Gleichzeitig kenne ich durchaus Momente, in denen ich tagelang unzufrieden bin, ohne dass ich genau ausformulieren könnte, weshalb.

Klar, einmal im Monat gibt es eine plausible Erklärung für diese innere Unruhe, die mit meinen Hormonen zu tun hat… Aber manchmal erkenne ich tatsächlich keinen Zusammenhang. Sondern bin scheinbar grundlos nicht happy drauf. Und lasse das dann gerne auch meine arme Familie spüren. Spätestens wenn die beginnen, mir Rückmeldungen zu geben à la: «Mama, hast du gerade deine Tage?», komme ich ins Grübeln.

Was braucht unser Leben denn für Zutaten, damit es als «glückliches Leben» gilt?

Wie muss mein Alltag aussehen, damit ich Glück verspüre?

Kann ich mich selber einfach glücklich denken?

Und was brauch es wohl, dass ich am Ende meines Lebens mal zurückschauen und sagen kann: «ich hatte ein gutes, glückliches Leben.»?

Wie geht Glück?

Als ich zwanzig war, reiste ich mit einer Freundin einen Monat lang durch Vietnam. Das Land war noch überhaupt nicht touristisch erschlossen und auch noch offensichtlich geprägt vom Krieg. Die Leute waren arm.

Gleichzeitig schienen sie mir doch reich.

Reich an einer tiefen Zufriedenheit.

An Dankbarkeit.

An Gastfreundschaft.

An Glück.

Besonders geblieben ist mir eine Begegnung im Süden von Vietnam. In Ho-Chi-Minh-City machten meine Freundin und ich uns auf die Suche nach einem Rikscha-Fahrer, dem wir von jemandem einen Gruss ausrichten sollten. Zu unserem eigenen Erstaunen (in Zeiten vor Natels!) fanden wir ihn innerhalb kürzester Zeit. Er war, wohl wie jeden Tag, auf einem belebten Platz mitten in der Stadt, und wartete dort auf Kundschaft. Gemeinsam mit zig anderen Rikscha-Fahrern.

Trotz Sprachbarriere gelang es uns, ihm zu erklären wer wir sind und wir konnten ihm den Gruss ausrichten. Der Mann freute sich von Herzen darüber, dass wir ihn extra ausfindig gemacht hatten, und nahm uns gleich mit auf eine Tour auf seinem Gefährt.

Er behandelte uns wie alte Freunde und es war ihm ein Anliegen, uns Einblick in sein Leben zu geben. Es war keine gewöhnliche Stadtrundfahrt, die uns an Sehenswürdigkeiten führte, sondern er nahm uns mit, an wichtige Orte von seinem Leben. So stellte er uns unter anderem einen alten und blinden Mönch in einem heruntergekommenen Tempel vor, der sich dann Zeit nahm und uns seine Weisheiten weitergab.

Und er nahm uns mit zu sich nach Hause, zu seiner Familie.

Das Loch

Sein Zuhause war ein Raum. Eine Höhle eher, die in einen Felsen geschlagen war. Auf dem erdigen Boden lagen ein paar staubige Teppiche. In einer Nische stand ein Regal, bestückt mit diversen Kochutensilien, die mich an unsere Campingausrüstung erinnerten. An der Wand waren Matten aufgestellt, die, wie er uns erklärte, in der Nacht dann zum Schlafen auf den Fussboden gelegt wurden. Im dunklen Raum empfingen uns seine Frau und ein paar seiner Kinder. Alle mit einem breiten und unbeschwerten Lachen auf dem Gesicht. Sie teilten mit uns von dem wenigen Essen und Trinken, das sie selber besassen. Und ich hatte den Eindruck, dass sie dies mit einem fröhlichen Herzen taten. Aus Interesse an uns. An unserem Leben. Aus Gastfreundschaft. Und nicht, weil sie etwas zurückerwarteten.

Obwohl ihnen offensichtlich an so vielem fehlte, schien das Entscheidende vorhanden zu sein.

Glück ist nicht die Abwesenheit von Leid

Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich noch an das Gefühl, als wir an diesem Abend wieder in unser Hotel zurückkehrten und ich im Bett meine Gedanken kreisen liess. Ich fühlte mich beschämt. Und zwar so richtig. Aber auch tief beeindruckt.

In diesem «Loch», das dieser Mann sein zuhause nannte, lernte ich eine sehr wichtige Lektion für mein Leben:

Glücklich zu sein hat offensichtlich weniger mit unseren Umständen und unserem Besitz zu tun, als ich meinte.

Glück ist auch nicht gleichzusetzen mit der Abwesenheit von Leid.

Glück, so schien mir dort in diesem Moment, hat sehr viel mehr mit Dankbarkeit zu tun.

Und ich weiss noch, wie ich vor dem Einschlafen in meinem Hotelbett an diesem Abend entschieden habe, diese Familie als Vorbild zu nehmen für mein Leben. Ich wollte versuchen dankbar zu sein. Mit dem was ist, und mit dem was nicht ist. Versuchen, mich für andere zu interessieren, auch wenn die eigene Not drückt. Trotzdem nicht bei mir stehen zu bleiben, sondern den Blick zu erweitern. Und dabei im Kleinen das Glück zu suchen.

Mein «Loch»

Dieses Erlebnis in Vietnam ist jetzt fast zwanzig Jahre her. Und auch wenn es wirklich prägend war, merke ich, dass glücklich sein eben doch mehr ist als einfach eine Entscheidung. Denn oft gelingt es mir nicht, mich selber aus meinem Unzufriedenheits-Loch zu befreien. Auch wenn ich in der Theorie ja wüsste, dass ich allen Grund zur Dankbarkeit habe.

Dabei kommen immer wieder die Verse von Paulus in den Sinn, die er aus dem Gefängnis, wahrscheinlich auch aus einem «Loch», an die Christen in Philippi schreibt:

„Freut euch im Herrn. Ich betone es noch einmal: Freut euch!“

Philipper 4,4

Dies kann natürlich als Anspruch verstanden werden. Ich denke, es ist jedoch mehr als Ermutigung gemeint, dass wir es nicht alleine schaffen müssen. Sondern dass Gott derjenige ist, der uns erst zur Freude und zum Glück befähigt.

Denn Paulus musste offensichtlich in seinem Leben immer wieder unten durch. Hätte viel Grund zur Bitterkeit gehabt. Selbstmitleid wäre bei ihm definitiv gerechtfertigt gewesen. Dass er Gott abschreibt, ebenso.

Und doch fand er im Gefängnis, als er diesen Brief schrieb reflektierende Worte:

„Ob ich nun wenig oder viel habe, ich habe gelernt, mit jeder Situation fertig zu werden: Ich kann einen vollen oder einen leeren Magen haben, Überfluss erleben oder Mangel leiden.

Denn alles ist mir möglich durch Christus, der mir die Kraft gibt, die ich brauche.“

Philipper 4, 12-13

Wie «meine» vietnamesische Familie, stellt sich auch Paulus nicht selber ins Zentrum. Schaut weg von sich, von den eigenen Möglichkeiten, auf Gott und seine Möglichkeiten. Und offensichtlich ist Gott ein Gott der Kraft gibt, wenn wir sie brauchen. Kraft zum Fröhlich sein. Und Kraft, um «Loch-Momente» zu ertragen.

 

 

 

 

 

 

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