Das Leben feiern

Bereits im Herbst haben wir im Mitarbeiterteam der Kirche entschieden, dass das Jahresmotto 2022 «Das Leben feiern» heissen soll.

In unserer Kirchgemeinde setzen wir jedes Jahr unter ein Motto. Dieses begleitet uns durch Predigtserien und das gesamte Kirchenjahr. Ausserdem gibt es dazu passend einen Jahresvers aus der Bibel, der gross vorne in der Kirche angebracht wird. Wer nun also immer unsere Kirche betritt, kommt nicht am daran vorbei.

Es schien an der Zeit, den Fokus bewusst wieder auf das Gute im Leben zu setzen. Untermauert wird diese Haltung mit dem Lob von David:

„Du zeigst mir den Weg zum Leben. Dort, wo du bist, gibt es Freude in Fülle. Deine Hand hält ewiges Glück für mich bereit.“ (Psalm 16,11)  

Ja, das ist jetzt zugegebenermassen nicht gerade das, was ich in den letzten Monaten verinnerlicht hatte. Einige mögen sich vielleicht an meinen Dezember erinnern («O du Fröhliche»)… Ich geb’s gleich zu: Mein Start ins neue Jahr verlief nicht viel anders als mein Dezember. Ich zelebrierte für mich ein bisschen Selbstmitleid und Resignation…

Meine Geduld mit mir, meinen Mitmenschen und auch (sorry) mit Gott, hing an einem gefährlich dünnen Faden, der bei der nächsten Belastung zu reissen drohte.

Und doch wusste ich innerlich mit Bestimmtheit: das kann es nicht sein! Ich diene weder mir, noch meinem nahen und fernen Umfeld, wenn ich zynisch und schlecht gelaunt durch Haus und Strasse marschiere und dabei alles klitz und klein motze.

Aber kann man denn das Leben feiern, auch wenn die Umstände nicht einfach sind? Kommt dies nicht einem Hohn gleich, für all die Menschen, die sich innerlich nicht an diesem Punkt befinden?

Feiern als Anker

Ich war als junge Frau mit einer Freundin auf Reisen in einem Land, wo Christen aktiv verfolgt werden. Durch Kontakte aus der Schweiz trafen wir uns dort mit lokalen Christen und besuchten einen Gottesdienst von ihnen. Im Untergrund. Rückblickend waren wir total naiv. Uns war in keinster Weise bewusst, was diese Menschen für uns riskierten. Dies dämmerte uns erst so langsam, als wir frühmorgens, getrennt voneinander, mit verschiedenen Fahrzeugen, an einen geheimen Ort gebracht wurden. Dazwischen mussten wir beide mal das Fahrzeug und den Fahrer wechseln. Wir kamen uns vor, wie in einem James Bond Film. Nur betraf dieses Setting das echte Leben. Echte Menschen. Dieser Gottesdienstbesuch (bei dem ich kein Wort verstand) hat mein Leben bis heute geprägt.

Denn an diesem Morgen wurden einige junge Männer mit Bibeln ausgerüstet, in einen anderen Teil des Landes ausgesandt. Der Pastor erklärte uns, dass sie damit rechneten, die Hälfte dieser Männer nicht wieder zu sehen. Zu gefährlich ihre Mission.

Der gesamte Gottesdienst ist mir noch sehr emotional in Erinnerung. Es wurde gefeiert, gesungen und getanzt. Gebetet und geweint. Aber diese jungen Männer strahlten keine Angst aus. Sondern eine tiefe Zufriedenheit und innere Ruhe. An einem Punkt im Gottesdienst wurden meine Freundin und ich aufgefordert, ein Lied aus der Schweiz vorzusingen. Selten habe ich mich so fehl am Platz gefühlt. Ich kam mir vor wie eine Heuchlerin. Ich hinterfragte meinen eigenen Glauben an Gott. Der mir plötzlich so oberflächlich und emotionslos schien. So fokussiert auf mein eigenes Wohlergehen. Gefüllt mit Tradition – aber ohne Leben. Da standen Männer in meinem Alter vor mir. Die alles für Gott riskierten. Und dabei mehr Lebensfreude an den Tag legten, als ich aus dem Westen, die materiell alles hatte.

Eine Hoffnung über das Leben hinaus

In diesem Gottesdienst wurde das Leben gefeiert. Im Bewusstsein, dass es schon morgen vorbei sein könnte. Wie geht das?

Eine mögliche Erklärung dafür gibt es gleich in unserem Jahresvers selbst:

«dort wo du (Gott) bist, gibt es Freude in Fülle.»

 David, der diesen Vers geschrieben hat, dürfte ihn auch nicht gerade in einem Wellnesshotel bei einer Ganzkörpermassage verfasst haben. Schliesslich beginnt er mit:

«Bewahre mich, Gott, denn bei dir finde ich Zuflucht!» (Psalm 16,1)

David kannte Situationen, in denen er mit dem Leben bedroht wurde, nur zu gut. Da war nicht alles happy clappy. Im Gegenteil. Offensichtlich befand er sich beim Verfassen dieses Psalms in Gefahr.

Gott verspricht uns nicht, uns vor Schwierigem zu bewahren. Aber er gibt uns ein Fundament, das standhält. Und eine Hoffnung, über den Tod hinaus. David durfte dies erfahren und leben:

«Ich habe den HERRN stets vor Augen. Weil er mir zur Seite steht, werde ich nicht zu Fall kommen. Deshalb ist mein Herz voll Freude, und ich kann aus tiefster Seele jubeln. Egal was kommt. Er gibt uns eine Hoffnung über den Tod hinaus.» (Psalm 16, 8-9)

Ich habe keine Ahnung, was aus dieser Kirche und diesen Männern, die ich damals besucht habe, geworden ist. Aber ich habe gesehen, dass man das Leben feiern kann, den Umständen zu trotz. Auch sie jubelten. Weil sie diese lebendige Hoffnung über den Tod hinaus hatten. Die in diesem kleinen Raum, wo menschlich gesehen Angst hätte herrschen sollen, greifbar war.

So möchte ich mich in diesem Jahr wieder neu entscheiden, das Leben zu feiern. Dabei weniger darauf achten, was mir persönlich gerade fehlt. Was noch sein sollte. Sondern dankbar sein für alles was ich heute habe und bin.

„Du zeigst mir den Weg zum Leben. Dort, wo du bist, gibt es Freude in Fülle. Deine Hand hält ewiges Glück für mich bereit.“ (Psalm 16,11)

Wer sich übrigens für die Predigtserie in unserer Kirche interessiert, findet sie hier.

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4 Antworten

  1. Das war jetzt grad sehr ermutigend, janine!
    Ja manchmal sind wir jammertäler… aber wenn es uns bewusst wird, können wir wieder zur partynudel mutieren😊
    Nicht weils cool ist sondern gut!
    Liebi geüess

  2. Liebe Janine,
    Ich mag deinen Blog total. „… dabei alles klitz und klein motze…“ Du schreibst grandios und ich werde immer wieder inspiriert. Vielen Dank, dass du blogst, dass du deinen Glauben klar und engagiert lebst. Eigentlich wollte ich dich am Frauentag in Sursee direkt ansprechen und dir das sagen, aber ich erkannte dich nicht. Jänu, nun auf diesem Weg.

    Liebe Grüsse
    Debora

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