Jesus macht Hausbesuche

Hin und wieder machen wir am Sonntag einen familieninternen Kanzeltausch: ich predige und mein Mann setzt sich in die Kirchenbank. Gerne teile ich hier meine letzte Predigt mit euch:

Nachdem Jesus die Synagoge an jenem Tag verlassen hatte, ging er zum Haus Simons und fand dort Simons Schwiegermutter mit hohem Fieber vor. Da bat man Jesus, ihr zu helfen. Er beugte sich über sie, befahl dem Fieber zu weichen, und augenblicklich fiel das Fieber. Sofort stand sie auf und machte ihnen etwas zu essen. (Lukas 4, 38-39)

Jesus kommt zu Besuch

Zu Jesus‘ Zeiten war der Glaube sehr eng mit dem Alltag verwoben. Leben und Glauben gehörte zusammen. Die Gesetzlichkeiten der Schriften bestimmten weitgehend das Zusammenleben der Gesellschaft.

Jesus bricht das Ganze auf eine ganz persönliche Ebene runter. Kommt den Menschen nahe. Tritt in Beziehung. So geht er in oben erwähnten Text in das Haus von Simon. Die beiden kannten sich wohl bereits eine Weile und wir können annehmen, dass Jesus einfach auf Besuch ging. Vielleicht wollten sie gemeinsam runterfahren, nach einem strengen Arbeitstag in der Synagoge. In Simons Haus finden sie seine Schwiegermutter mit hohem Fieber vor.

Mitten in einer Pandemie wissen wir nur zu gut, wie man sich verhaltet, wenn jemand krank ist: man hält Abstand!!!

Unsere vier Kinder hatten im vergangenen September Corona. Zu Beginn haben sich nur zwei von ihnen infiziert. Die Instruktionen vom Contact Tracing waren klar: Die beiden positiven Kinder müssen sich komplett isolieren, damit sie die anderen zwei nicht auch noch anstecken. Für mein Mamaherz eine Mission Impossible…

Ich habe mir ganz kurz ausgemalt, was das konkret bedeuten würde: die beiden Kinder müssten in ihrem Zimmer bleiben. Ich stelle Mahlzeiten vor die Tür. Sie sind Tage allein. Nächte allein. Krank. Ohne Kontakt. Ohne körperliche Nähe. Ohne Austausch mit uns.

Das konnte ich als Mama nicht.

Warum? Weil sie mir wichtig sind. Und ich ihnen nahe sein möchte, wenn es ihnen schlecht geht. Weil ich mich um sie sorge. So fest, dass ich in Kauf nehme, selbst angesteckt zu werden. Ich wollte sie spüren. Weil ich sie liebe. Und sie in ihrer Not nicht allein lassen wollte.

Ich kann mir vorstellen, dass dies auch bei Jesus der Fall war. Er hatte Mitgefühl. Deshalb ging er nahe. Wenn Jesus Jesus ist, hätte er die Schwiegermutter bestimmt auch von der Tür aus heilen können. Aber seine natürliche Reaktion ist es offensichtlich, denen nahe zu kommen, denen er hilft.

Er berührt sie. Ist sich nicht zu schade, seine Hände dreckig werden zu lassen, wenn er hilft.

Jesus macht heute noch Hausbesuche

Ich glaube, Jesus möchte auch heute noch in unsere Häuser kommen. Nicht nur, wenn wir physisch krank sind. Denn unsere Häuser sind voll von ganz vielen verschiedenen «Fiebern»: Ungelöste Konflikte, Streit, Einsamkeit, Unzufriedenheit, Überforderung, Frust, Eifersucht, und so weiter.

Unser Anteil ist es, dass wir unsere Haustür und unsere Herzenstür öffnen. Ihn bewusst zu uns einladen. Mit unseren Sorgen. Mit unseren Nöten. Mit allem was uns beschäftigt.

Jesus verspricht:

Darum sage ich euch: Bittet, und es wird euch gegeben; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet. (Lk 11,9)

Wenn wir ihm unsere Tür öffnen, öffnet er auch seine für uns. Gott ist treu. Er weiss um unsere schlimmsten Fieber, die wir selber nicht senken können. Unser „Haus“ muss nicht blitzblank sein, wenn Jesus reinkommt. Es genügt, wenn es so ist, wie es eben ist.

Denn er kommt nicht in unsere Häuser, um uns zu verurteilen und uns ein schlechtes Gewissen zu machen.

Sondern um uns nachhaltig zu heilen.

Nicht primär von äusseren Krankheiten, sondern von all dem, was sonst wie ein Fieber um sich greift in unserem Leben. Dieser Text in Lukas 4 steht stellvertretend für viele solche Heilungsgeschichten in der Bibel. Ich habe hier einen Text über eine körperliche Heilung genommen, aber ich glaube heutzutage ist er genauso relevant für unser inneres Heil.

Gesegnet, um ein Segen zu sein.

Ein kleines Detail, das ich an diesem Text auch noch den absoluten Knüller finde, ist die Reaktion von der Schwiegermutter, die so beiläufig erwähnt wird:

„Sofort stand sie auf und machte ihnen etwas zu essen.“ (V39).

Nein, es geht hier nicht darum, dass die Frau sofort wieder an den Herd gehört. Ich lese da etwas viel gewichtigeres raus: Die Schwiegermutter bleibt nicht in ihrer Opferrolle liegen. Sie überlegt nicht, was ihr sonst noch weh tut. Sondern sie wird wieder aktiv. Steht auf. Kreist sich nicht mehr um ihre Probleme, sondern fokussiert sich auf die Nöte / Bedürfnisse der anderen. Die in dem Moment wohl Hunger waren.

Sie gibt wieder ihren Teil, damit Gesellschaft gelingt. Weil sie heil geworden war, konnte sie ihre Kräfte und ihre Gaben einsetzen, um andere zu sättigen.

So kreist sie sich nicht weiter um sich und um ein selbsterfülltes Leben. Das hat einen sehr gesunden Charakter.

Ein Jesus Prinzip

Jesus erste Priorität, so glaube ich, ist es nicht, grosse Wunder zu tun. Sondern seine erste Priorität ist es, uns freizusetzen. Zu einem Leben, dass eine Perspektive hat über den Tod hinaus. Ein Leben, das andere genauso im Blick hat, wie das eigene.

Und doch sind wir gleichzeitig so wichtig, dass Jesus sagt:

„Ich sehe deine Nöte. Lass mich mittragen und da sein. Lass mich reinstehen und dir etwas abnehmen.“ Wir müssen uns nicht selber zermürben, sondern dürfen wissen: wir sind getragen.

Von Händen, die viel Kapazität haben.

Händen, die anpacken können.

Händen, die es sich nicht zu schade sind, schmutzig zu werden.

 

 

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